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Das offene Geheimnis der Zentralbanken

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Swiss Finance Institute
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Monday, June 26, 2017 - 14:00

Wie funktioniert die Vergabe von Zentralbankengeld an Geschäftsbanken und welche Risiken entstehen dabei? Unsere aufschlussreiche Abendveranstaltung mit SFI-Professor Kjell G. Nyborg von der Universität Zürich, SNB-Direktoriumsmitglied Dr. Andréa M. Maechler und Pictet Asset Management-Finanzexperte Mickael Benhaim zog über 200 Teilnehmende an.

SFI-Direktor Prof. François Degeorge mit den Referenten: Dr. Andréa M. Maechler, SNB; Prof. Kjell G. Nyborg, SFI und UZH; und Mickael Benhaim, Pictet Asset Management; (v.l.n.r.)

SFI-Professor Kjell G. Nyborg von der Universität Zürich stellte sein neues Buch "Collateral Frameworks: The Open Secret of Central Banks" beim SFI-Event vor. Das Buch zeigt, dass ein nahezu “vergessenes Element” der Geldpolitik im Zentrum vieler Ereignisse steht.

Prof. Nyborg illustrierte am Beispiel des Eurosystems und der Europäischen Zentralbank (EZB) wie die Vergabe von Zentralbankengeld an Geschäftsbanken funktioniert und welche Risiken dabei entstehen. Die EZB akzeptiert rund 30‘000 bis 40‘000 verschiedene Wertpapiere als Sicherheit, von denen für mehr als drei Viertel aber keine Marktpreise existieren. Wenn Banken diese Wertpapiere als Sicherheit hinterlegen wollen, werden sie nach einem theoretischen Modell bewertet. Dieser Mechanismus birgt das Risiko von Fehlallokationen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Rahmenbedingungen für Sicherheiten mit niedriger Qualität vorteilhaft sind. Geschieht das in Zeiten einer ökonomischen Depression, kann es eine wirtschaftliche Erholung verzögern.

SFI-Professor Kjell G. Nyborg stellt sein neues Buch vor.

Das Fazit von Prof. Nyborg für den Euroraum fällt kritisch aus: Dort werden Sicherheiten mit niedriger Qualität – es handelt sich aber keinesfalls um Junk Bonds – hinterlegt. Der Beleihungswert dieser Papiere wird zudem meist abseits des Marktgeschehens ermittelt. Dieses Vorgehen kann das System empfindlich machen, sodass es auf Schocks reagiert. Es erlaubt Regierungen zudem, gewisse Sicherheiten höher zu bewerten und dadurch Rettungsaktionen für Staaten oder Banken einfacher zu finanzieren.

In der anschliessenden substanzreichen Paneldiskussion diskutierte Prof. Nyborg mit Dr. Andréa M. Maechler, Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank und Mickael Benhaim, Head of Fixed Income Investment Strategy & Solutions bei Pictet Asset Management unter der Leitung von Maren Peters, Redaktorin Wirtschaft SRF Radio. Akademiker und Praktiker erlebten live in einem regen Dialog zwischen Wissenschaft und Finanzpraxis wie ein komplexes Thema verständlich veranschaulicht wird.

Diskutierten die Funktion und Auswirkungen von Collateral Frameworks: Mickael Benhaim, Pictet Asset Management; Dr. Andréa M. Maechler, SNB; und Prof. Kjell G. Nyborg, SFI und UZH. (v.l.n.r.)

Bei der Diskussion stellte SNB-Direktoriumsmitglied Andréa M. Maechler fest, dass die Instrumente zur Umsetzung der Geldpolitik zwischen den Zentralbanken unterschiedlich sind. Die Geldpolitik der SNB beruht gegenwärtig auf zwei Säulen: dem Negativzins sowie der Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren. Das Repogeschäft und entsprechend die SNB Effektenpolitik ist somit aktuell von untergeordneter Bedeutung für die Implementierung der Geldpolitik. In Ihren Ausführungen zeigte sie auf, dass die Effektenpolitik der SNB regelbasiert und transparent ist und hohe Anforderungen an die Qualität der zugelassen Effekten stellt. Entsprechend hat sich die Politik der SNB während der Finanzmarktkrise bewährt. Abschliessend betonte Andréa Maechler, dass Zentralbanken mit ihren Massnahmen lediglich auf das Ausmass der Finanzmarktkrise und der europäischen Wirtschaftskrise reagiert haben. Entscheidend sei letztlich, dass die Zentralbanken ihr Mandat erfüllen. Mickael Benhaim, Pictet Asset Management, wies ebenfalls auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Schweiz und den Euroraum hin. Eine Rettungsaktion wie sie die SNB für die UBS durchführte, wäre im Eurosystem wegen den geldpolitischen Entscheidungsfindungsprozessen nicht möglich gewesen. Seinen Ausführungen nach waren es die Zentralbanken, welche mit ihrer Geldpolitik halfen, eine krisengeprägte Zeit zu überbrücken. Den Ausklang des Abends bildete ein reichhaltiger Apero, der von den zahlreichen Akademikern und Praktikern für einen weiteren intensiven Austausch genutzt wurde.

Die Veranstaltung zog über 200 Teilnehmende an.

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Erhältlich als Taschenbuch (ISBN 9781316609545), gebundene Ausgabe (ISBN 9781107155848), oder als eBook bei folgenden Verlagen:
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